Warum wollen 96 Prozent KI aus Deutschland – und entscheiden sich im Alltag doch anders?
Digitale Souveränität bei KI ist im Mittelstand keine Herkunftsfrage, sondern eine Frage der Austauschbarkeit.
Fast alle Unternehmen wünschen sich KI aus Deutschland – fast zwei Drittel wollen dafür aber keine Abstriche machen. Das zeigt eine aktuelle Bitkom-Umfrage zum Digital-Gipfel: 96 Prozent würden bevorzugt KI-Anwendungen deutscher Anbieter nutzen, 64 Prozent sind nicht bereit, dafür einen höheren Preis oder weniger Funktionen zu akzeptieren. Eine zweite Bitkom-Erhebung zeigt, dass bei der Lieferantenauswahl für 97 Prozent der Preis dominiert. Meine These: Digitale Souveränität entscheidet sich nicht am Herkunftsland des Anbieters, sondern daran, wie gut Du Deine Daten kennst – und wie schnell Du einen Anbieter ersetzen könntest. Warum das so ist und was Du jetzt konkret tun kannst, erfährst Du hier. Wie abhängig Du tatsächlich bist, klären wir gern gemeinsam – sprich mit uns.
Was ist in den letzten zwei Wochen passiert?
Neue Zahlen zeigen, wie groß Europas digitale Abhängigkeit tatsächlich ist
Selten kamen so viele Zahlen zum Thema digitale Abhängigkeit in so kurzer Zeit zusammen. Der Digital Dependence Index der Universität Bonn und des Vodafone Instituts beziffert die Abhängigkeit Europas bei Plattformen – Betriebssystemen, Suche, Cloud – auf 0,98 bei einem Maximum von 1,0. Bitkom meldet, dass 87 Prozent der Unternehmen, die digitale Leistungen aus den USA beziehen, sich davon abhängig fühlen, 47 Prozent sogar stark. Und beim Digital-Gipfel erklärte der Bundeskanzler, die Google Cloud sei mit europäischer Souveränität vereinbar, während Berichten zufolge auch Nachrichtendienste eine abgeschottete Google-Lösung nutzen wollen – offiziell bestätigt ist das bislang nicht. Zwischendurch zeigte ein Ausfall einer einzigen Google-Cloud-Zone in London, wie schnell Banken und Logistiker stillstehen können.
Wunsch und Wirklichkeit in Zahlen
Hinweis: Eine Herstellerstudie nennt dagegen 85 % der Führungskräfte, die auf Funktionen verzichten würden. Umfragen zu „Bereitschaft“ sind Absichtserklärungen, keine Kaufentscheidungen – genau deshalb ist der Widerspruch aufschlussreich.
Warum ist digitale Souveränität keine Frage der Herkunft?
Entscheidend sind Kontrolle, Wahlfreiheit und die Fähigkeit, Abhängigkeiten wieder zu lösen
Digitale Souveränität bedeutet, dass Du über Deine Daten, Systeme und Anbieter selbst entscheiden und diese Entscheidung auch wieder ändern kannst. Das ist etwas anderes als „ein deutscher Anbieter“ oder „ein europäisches Rechenzentrum“. Der Bitkom-Präsident formuliert es selbst so: Souveränität entscheide sich nicht daran, wo man KI einkaufe, sondern ob man in der Lage sei, Schlüsseltechnologien selbst zu entwickeln. Die Gesellschaft für Informatik wiederum bewertet die jüngsten Souveränitäts-Werkzeuge von Microsoft als überwiegend vertragliche und technische Zusatzkontrollen an der Oberfläche, solange proprietäre Stacks und der US Cloud Act bestehen bleiben. Beide Positionen haben einen wahren Kern – für ein mittelständisches Unternehmen ist aber keine davon eine Handlungsanweisung. Denn weder Du noch ich werden Schlüsseltechnologien entwickeln, und ein Wechsel aller Systeme ist weder bezahlbar noch sinnvoll.
Souveränität ist kein Produkt, das man kauft, sondern eine Fähigkeit, die man aufbaut.
Was ist die eigentliche Herausforderung für den Mittelstand?
Ohne Transparenz über Daten, Systeme und Abhängigkeiten fehlt die Grundlage für souveräne Entscheidungen
Die eigentliche Herausforderung ist nicht der Wunsch, sondern die Entscheidungsgrundlage. Wer nicht weiß, welche Daten wo liegen, kann nicht beurteilen, welche Abhängigkeit er eingehen darf. Wer Anbieter fast ausschließlich nach dem Preis auswählt, hat ein Beschaffungs- und kein Souveränitätsproblem. Und mit KI-Agenten kommen neue Zugriffswege auf Daten hinzu – oft über Standardsoftware, die „einfach mit dazukommt“. In zahlreichen Kundensituationen erleben wir, dass die erste Frage nach dem Anbieter gestellt wird und erst die dritte nach den Daten. Dazu kommt ein Resilienzaspekt: Der Ausfall einer einzigen Cloud-Zone zeigt, dass Souveränität nicht nur Recht und Datenschutz bedeutet, sondern auch die Fähigkeit, bei einer Störung handlungsfähig zu bleiben.
Meine Perspektive: Wie viel Souveränität brauchst Du wirklich?
Nicht maximale Unabhängigkeit zählt, sondern das richtige Maß für Daten, Risiko und Anwendung
Nicht jede Anwendung braucht maximale Souveränität – aber jede braucht eine bewusste Entscheidung. Unserer Erfahrung nach ist der größte Hebel nicht der Anbieterwechsel, sondern die Frage, welche Daten überhaupt in welches System dürfen. Ein Newsletter-Entwurf mit einem KI-Assistenten ist etwas anderes als Konstruktionsdaten, Personaldaten oder Verträge. Deshalb schlage ich vor, Souveränität nicht als Ja/Nein, sondern als Abstufung zu denken – und den Preis dafür ehrlich einzukalkulieren. Wer 64 Prozent „keine Abstriche“ sagt und gleichzeitig Souveränität fordert, muss sich entscheiden: Entweder Du zahlst den Aufschlag, oder Du dokumentierst bewusst, welches Risiko Du akzeptierst. Auch das ist Souveränität.
Was sollten Unternehmen jetzt tun?
Mit klarer Datenklassifizierung, Exit-Szenarien und passenden Betriebsmodellen Schritt für Schritt handlungsfähig werden
Beginne mit einer Inventur, nicht mit einem Anbieterwechsel. Die folgenden sechs Schritte lassen sich im Mittelstand in wenigen Wochen starten:
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Abhängigkeitsinventur: Die zehn wichtigsten digitalen Lieferanten und die Prozesse, die an ihnen hängen, auflisten.
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Datenklassifizierung: Daten in drei Klassen einteilen und festlegen, welche Klasse in welche KI-Anwendung darf – bevor ein KI-Agent darauf zugreift.
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Exit-Szenario je kritischem Dienst: Wie lange dauert ein Wechsel? Sind Daten exportierbar? Gibt es eine Alternative?
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Betriebsmodell passend zur Datenklasse wählen: Nur für wirklich kritische Daten lokale oder europäische Lösungen vorsehen; für den Rest Standard-Cloud mit dokumentierten Zusatzkontrollen.
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Souveränitätsaufschlag budgetieren: Mehrkosten und Funktionsverzicht offen ausweisen und von der Geschäftsführung entscheiden lassen.
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Kompetenz im Haus halten: Wissen über Architektur und Daten darf nicht vollständig beim Dienstleister liegen – eine Frage der Wissenssicherung, nicht nur der IT.
Wer dabei Unterstützung wünscht, findet in unseren Beiträgen zu KI-Weltordnungen und AI Act, zur ISO/IEC 42001 und zur Wissenssicherung passende Anknüpfungspunkte. Mehr dazu unter Digitale Souveränität, Cybersecurity und Mittelstand.
Fazit: Was bleibt?
Digitale Souveränität entsteht dort, wo Abhängigkeiten bekannt sind und Entscheidungen bewusst getroffen werden
Wunsch ohne Zahlungsbereitschaft ist keine Strategie. Digitale Souveränität entsteht nicht durch das Herkunftsetikett, sondern durch Datenkenntnis, Klassifizierung, Exit-Fähigkeit und Kompetenz. Der Digital-Gipfel hat gezeigt, dass die Politik das Thema adressiert – im Unternehmen entscheidet sich die Umsetzung aber dort, wo Daten klassifiziert und Budgets freigegeben werden. Fang mit der Inventur an – und entscheide bewusst, welche Abhängigkeit Du Dir leisten willst. Wenn Du dafür einen Sparringspartner suchst: Sprich mit uns.







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